Angst vor Einzelaktien
Eine Zeit lang war ich ausschließlich in ETFs investiert. Dann habe ich genauer hingeschaut — und festgestellt, dass "breit gestreut" nicht immer das bedeutet, was man glaubt. Über Indexkonzentration, systemische Risiken und den Mut zur Einzelaktie.
Eine Zeit lang war ich ausschließlich in ETFs investiert. Von Aktien hatte ich keinen Plan — weder wusste ich, wie man Unternehmen bewertet, noch hatte ich eine Ahnung, was passiert, wenn man sein gemütliches ETF-Depot in Einzeltitel umschichtet. Irgendwann habe ich den Versuch trotzdem gewagt. Und dabei ein paar Dinge gelernt, die mir vorher niemand gesagt hat.
Was ist ein ETF — und was nicht?
Aber fangen wir vorne an. Ein ETF ist im Grunde genommen ein Fonds. Was ihn von aktiv gemanagten Fonds unterscheidet: Er kauft Aktien nicht nach Bauchgefühl eines Fondsmanagers, sondern bildet regelbasiert einen Index ab — den S&P 500, den MSCI World, den EuroStoxx 50. Das macht ihn günstig, transparent und einfach. Über regionale ETFs lässt sich der US-Markt, Europa oder Asien abdecken. Oder man nimmt gleich einen World-ETF und hat mit einem einzigen Kauf Tausende Unternehmen im Depot.
Klingt perfekt. Ist es auch — bis man genauer hinschaut.
Was ist eigentlich "der Markt"?
Denn hier kommt der große Knackpunkt. Wer in einen ETF auf den S&P 500 investiert, kauft nicht 500 gleichgewichtete Unternehmen. Die zehn größten Positionen machen aktuell rund 36 % des gesamten Index aus [1]. Vor zehn Jahren waren es noch unter 20 %. Der NASDAQ 100? Noch konzentrierter. Der MSCI World? Dominiert von US-Megacaps. Was wie breite Streuung aussieht, ist in Wirklichkeit eine Wette auf eine Handvoll Tech-Giganten. Ob Apple, Microsoft oder Nvidia um 5 % steigen oder fallen — das bewegt den ganzen Index. Ob ein mittelständisches Unternehmen in Kansas seinen Umsatz verdoppelt? Irrelevant.
Das bringt Stabilität. Aber Outperformance gegenüber dem breiten Markt? Die kann ein marktbreiter ETF per Definition nicht liefern — er ist der Markt, abzüglich Kosten.
Genau deswegen habe ich mich entschieden, meinen ETF-Anteil herunterzufahren und mich mit etwas mehr Mut an Einzelaktien heranzutasten.
Die andere Seite der Flexibilität
Sicher — ein nicht zu unterschätzender Vorteil von ETFs ist die Liquidität. Ein Klick, und man ist draußen. Wer dagegen breit in Einzelaktien investiert, sagen wir 70 Titel, braucht für eine Komplettliquidation 70 separate Verkaufsorders. Das kostet Zeit, und bei illiquiden Small Caps können die Spreads deutlich größer ausfallen als bei einem hochgehandelten World-ETF. Die Transaktionsgebühren pro Order sind zwar dieselben wie beim ETF — aber in der Summe läppert sich das.
Die Frage ist aber: Will man das überhaupt? Als Langzeitinvestor will ich keine Schnellschüsse. Und schon gar nicht unter Panik mit hohen Verlusten abverkaufen.
Zumal das mit der ETF-Liquidität auch so eine Sache ist. Ich bin davon überzeugt, dass die massiven Schwankungen am Aktienmarkt auch damit zu tun haben, dass in den letzten Jahren enorme Summen in den ETF-Markt geflossen sind. Und genau diese Liquidität — die Tatsache, dass man mit einem Klick Milliarden bewegen kann — wird in Panikphasen zum Problem. ETFs werden in Sekunden abverkauft, was die enthaltenen Aktien mitreißt und eine Abwärtsspirale auslöst. Eine Studie der Ohio State University und der Universität Lugano hat gezeigt, dass Aktien mit hohem ETF-Anteil signifikant höhere Volatilität aufweisen — und zwar nicht durch fundamentale Nachrichten, sondern durch den Arbitrage-Mechanismus zwischen ETF und Basiswerten [2]. Ein Working Paper der Federal Reserve bestätigt: Der Wechsel von aktivem zu passivem Investieren verstärkt bestimmte Formen von Marktvolatilität und erhöht die Branchenkonzentration, während andere Risiken — etwa Liquiditäts- und Rücknahmerisiken — abnehmen [3]. Das ist keine Verschwörungstheorie — das ist ein systemisches Risiko, über das erstaunlich wenig gesprochen wird.
Sich etwas abseits der Masse zu bewegen, kann im Ernstfall also auch ein Vorteil sein. Nicht weil Einzelaktien per se besser sind. Sondern weil man als Stock Picker Unternehmen kauft, die man kennt — und nicht blind in einen Index investiert, der einem Diversifikation verspricht, die er so gar nicht liefert.
„Wer die Hausaufgaben nicht macht, kauft besser einen Indexfonds.“— Peter Lynch

Quellenverzeichnis
[1] RBC Wealth Management. (2026, 23. Januar). The "Great Narrowing": S&P 500 concentration. Verfügbar unter: https://www.rbcwealthmanagement.com/en-us/insights/the-great-narrowing-sp-500-concentration [Abruf am 03.05.2026].
[2] Ben-David, I., Franzoni, F. & Moussawi, R. (2018). Do ETFs Increase Volatility? The Journal of Finance, 73(6), 2471–2535. Verfügbar unter: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/jofi.12727 [Abruf am 03.05.2026].
[3] Anadu, K., Kruttli, M., McCabe, P. & Osambela, E. (2018). The Shift from Active to Passive Investing: Potential Risks to Financial Stability? Federal Reserve Bank of Boston, Working Paper RPA 18-4 / FEDS Working Paper 2018-060. Verfügbar unter: https://www.federalreserve.gov/econres/feds/the-shift-from-active-to-passive-investing-potential-risks-to-financial-stability.htm [Abruf am 03.05.2026].